Thomas Tyn wurde am 3.
Mai 1950 in Brünn, in der damaligen Tschechoslowakei, geboren. Im Kreis
der Familie wuchs er im christlichen Glauben auf, wiewohl dieser aufgrund
der kommunistischen Herrschaft in der Öffentlichkeit verboten war. Schon
mit 12 Jahren äußerte Thomas den Wunsch, Priester zu werden, obwohl
es die Mutter lieber gesehen hätte, wenn er Arzt geworden wäre.
Nach Abschluß
der Grundschule erhielt er als bester Schüler des Landes ein Stipendium
und besuchte eine Höhere Schule in Dijon in Frankreich, wo er am 1. Juli
1969 das Abitur machte. Dort lernte er den Dominikanerpater Henri-Marie Feret
kennen. In dieser Zeit lernte er auch verschiedene Sprachen, so z.B. Russisch,
Französisch, Deutsch, Hebräisch, Griechisch und Latein. In der Zwischenzeit
(1968) verließen seine Eltern die Tschechoslowakei und fanden in der
Bundesrepublik Deutschland eine neue Heimat.
Von Frankreich übersiedelte
Thomas ebenfalls nach Westdeutschland, wo er am 28. September 1969 in Warburg
in Westfalen in den Dominikanerorden eintrat und anschließend das Noviziat
machte. Am 29. September 1970 legte er die einfache Profeß ab und begann
das philosophisch-theologische Studium in der Hochschule der Dominikaner in
Walberberg (bei Bonn)
Aufgrund der damaligen
innerkirchlichen Situation in Deutschland, die auch vor Ordens-Studienhäusern
nicht Halt gemacht hatte, trat er in die italienische Ordensprovinz von Bologna
über, die seinen theologischen Vorstellungen und Wünschen eher entsprach.
Am 19. Juli 1973 legte frater Thomas im Konvent des hl. Dominikus in Bologna,
wo sich auch das Grab des Ordensstifters befindet, die feierliche Profeß
ab. Kurze Zeit darauf erwarb er mit einer wissenschaftlichen Arbeit zum Thema:"Die
göttliche Gnade und die Rechtfertigung des Menschen in der Theologie
des hl. Thomas von Aquin und Martin Luthers" die theologische Lehrbefähigung
im Orden ( das sog. Lektorat).
Am 29. Juni 1975
wurde frater Thomas in Rom von Papst Paul VI. zum Priester geweiht. An diesem
Tag opferte er - wie ein Mitbruder bezeugt - sein Leben auf für die Befreiung
seines Vaterlandes, der damaligen Tschechoslowakei, vom atheistischen Regime.
Drei Jahre später (1978) erhielt er an der Päpstlichen Universität
des hl. Thomas von Aquin in Rom (Angelicum) mit einer Arbeit über "die
Rechtfertigung des Menschen und seinen freien Willen vor und von Gott"
die Doktorwürde in der Theologie.
Nach Bologna zurückgekehrt,
nahm er am dortigen Ordensstudium seine Tätigkeit als Professor für
Moraltheologie auf. Als Dominikaner und Wissenschaftler wußte er sich
der Lehre des hl. Thomas von Aquin besonders verpflichtet. In seinen Vorlesungen
vertrat er die klare und eindeutige Lehre der Kirche und setzte sich mit zeitgenössischen
Irrtümern auseinander. Trotz einiger Widerstände hielt Pater Thomas
kompromißlos an seiner Position fest - im Bewußtsein seiner Verantwortung
vor Gott und den Seelen.
1980 wurde Pater Thomas in die Leitung des Ordensstudiums aufgenommen. Er
predigte oft und begeistert und war in verschiedenen Kreisen seelsorglich
tätig. Insbesondere suchte er die Nähe der Fernstehenden und erschloß
ihnen den Weg zum Glauben und in die Kirche. Mit großer Weisheit und
Sachkunde war er im Beichtstuhl tätig und von vielen als geistlicher
Begleiter und Seelenführer geschätzt. Es gelang ihm auch, verschiedene
Menschen für das Leben im Ordensstand zu gewinnen. Er hielt Exerzitien
und zahlreiche geistliche Vorträge. Außerdem machte er Jahre hindurch
Sonntagsaushilfe in der Pfarrei St. Jakobus vor den Mauern. Mit besonderer
Aufmerksamkeit wandte er sich den Verlobten und jungverheirateten Paaren zu.
Pater Thomas Tyn
war ein eifriger Mitbruder, freundlich, verläßlich, liebenswürdig,
demütig. Er war klug in seiner Rede, fern von jedem oberflächlichen
Geschwätz. Er lebte sein Leben als Dominikaner in Vollkommenheit und
hielt zuverlässig und getreu die Vorschriften des Ordens ein. Dabei wußte
er durchaus den Wert der Gemeinschaft zu schätzen, beteiligte sich an
Wanderungen durch die Natur, liebte die gemeinsame Liturgie, das Gebet und
die Betrachtung. Er war sehr fromm und nahm seine priesterlichen Verpflichtungen
sehr ernst. Besonders innig verehrte er die hl. Eucharistie und feierte die
hl. Messe sowohl im neuen wie im alten Ritus. Eifrig verehrte er die Mutter
Gottes und betete als guter Dominikaner regelmäßig und gern den
Rosenkranz.
Doch war Pater Thomas
nicht nur klug, sondern hatte auch eine künstlerische Ader und einen
Sinn für das Schöne. Er liebte die Literatur und die klassische
Musik und hatte sich darin eine gewisse Kompetenz erworben. Er nahm an öffentlichen
Gesprächen teil wie z. B. an Colloquien unter Wissenschaftlern, Philosophen
und Theologen, die regelmäßig in Bologna veranstaltet wurden. Als
guter Theologe hatte er Aufsätze und Publikationen zu verschiedenen Themen
verfaßt.
Mitten im Leben
stehend, brach seine robuste Konstitution plötzlich zusammen, als ihn
mit 39 Jahren eine schreckliche und unheilbare Krankheit befiel, die innerhalb
von zwei Monaten zum Tode führte. Gleichwohl ertrug er seine Leiden in
großem Gottvertrauen, in Tapferkeit und Gelassenheit. Den letzten Monat
seines Lebens verbrachte Pater Thomas in Deutschland, liebevoll gepflegt von
den Mitgliedern seiner Familie. Noch in den letzten Tagen seines Lebens übergab
er dem Leiter des dominikanischen Verlags in Bologna, Pater Vincenzo Benetollo,
ein dickes Werk zum Thema: "Metaphysik der Substanz. Partizipation und
analogia entis", an dem er zehn Jahre gearbeitet hatte und in dem er
sich mit den einflußreichsten zeitgenössischen philosophischen
Strömungen auseinandersetzt. Dieses Werk wurde im Jahr 1991 in den "Edizioni
Studio Domenicano" in Bologna veröffentlicht.
Am 1. Januar 1990
starb Pater Thomas in Neckargemünd und wurde dort auch begraben. Es war
die Zeit, da der eiserne Vorhang gerade gefallen war und sein Vaterland von
der Diktatur zur Demokratie überging. War es Zufall, daß an seinem
Todestag, einem Sonntag, in Prag die Glocken läuteten, um die Befreiung
des Landes und der Kirche zu feiern? Wohl kaum. Damit war der große
Wunsch von Pater Thomas in Erfüllung gegangen.
Nach seinem heiligmäßigen
Tod setzten sich Freunde und Verehrer in Italien und in der Tschechischen
Republik alsbald für seine Seligsprechung ein. Ihre Beharrlichkeit wurde
belohnt, als der Erzbischof von Bologna, Kardinal Carlo Caffarra, am 25. Februar
2006 in der dortigen Dominikaner-Kirche des hl. Dominikus feierlich den Beginn
des Seligsprechungsprozesses erklärte