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Der Grufti von Sankt Kajetan |
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Alfred Dost bewacht die letzte Ruhestätte
der Wittelsbacher |
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"Ich bin hier bloß der
Grufti", sagt der Mann hinter den hohen Gitter-Schnörkeln am Eingang zur Fürsten-Gruft,
zieht versonnen an seinem langen Ohrläppchen und wendet sich, gebückt am
Holztisch, wieder Mutter Maria zu. Der Krippenfigur schneidert er jetzt erst mal
einen winzigen Mantel aus blauem Filz. "In einer Woche haben wir ja schon
wieder die Herbergssuche." Maria harrt neben einer gelben Bohrmaschine und
Alfred Dosts kariertem Hut der Dinge - im Stuck-Gewölbe angepustet von einem
kleinen Heizlüfter, dass die Kerze vor dem Frauenaltar nur so flackert. Klamm
ist es trotzdem. Hier im Seitengang neben dem Altarraum der Theatinerkirche
"hat's immer zwölf Grad". Da seit 3. November die Wittelsbacher-Gruft
für die Wintermonate geschlossen ist, hat Dost seine Ruhe. Keine Ludwig-Zwo.
Fans, die ihr Geld zurück wollen, sobald sie merken, ihr "Märchenprinz"
ruht nicht hier, sondern in der Michaelskirche. Keine Banausen, die Agnes
Bernauer nicht kennen und Dosts handgeschriebene Schautafeln samt Porträts
ignorieren. Und schon gar keine Japaner, "die dem Fremdenführer hinterherlaufen,
die Videokamera nach oben, bis wieder einer die Treppe obi fällt". Wenn's
rumpelt, schaut Alfred, der Hüter der Gruft, von seinem Holztisch gar nicht
mehr auf. Erst als Mariens Blöße bedeckt
ist, schließt der Witwer das Gitter auf. Wohl ist ihm nicht dabei - ist er doch
heute für seinen Geschmack viel zu lässig in Karo-Strickjacke und olivgrüne
Cordhose gewandet. Lebenden und Toten begegnet er im Gewölbe unter der Apsis,
in der immerhin 47 Wittelsbacher ruhen, nur im Anzug. Langsam steigt der großgewachsene,
gebeugte Mann die Stufen hinab, humpelt leicht dabei. "Was sterblich ist an
ihnen, hinterließen hier Bayerns erlauchte Fürsten" steht unter einem
Kruzifix über dem Eingang - die lateinische Inschrift ließ Kurfürst Max
Emanuel, dessen Eltern Ferdinand Maria und Henriette Adelaide die Kirche aus
Freude über seine Geburt 1662 gestiftet hatten, 1685 in den Marmor schlagen.
Noch ein Eisengitter schwingt mit einem Seufzer auf, dann ist Dost in seinem
Reich. Ein gelbgetünchtes Gewölbe mit Kupfer-Zinn-Sarkophagen, die auch in 300
Jahren nicht rosten. Heilige Ruhe. Kaum zu glauben, dass hier im Jahr 16 000
Besucher hinabsteigen. Gleich links das Stifterpaar, 1690 beigesetzt; Totenköpfe
prangen am Fuß der Särge. Doch Dost, der mit seiner Vornamen-Reihe "Anton
Ferdinand Alfred Maria" durchaus mit den Fürsten mithalten kann, strebt
Gruft Nummer 2 zu, um eine Kerze anzuzünden; am Sockel des Leuchters blüht
eine Seiden-Lilie. Zärtlich streicht er über Rupprechts Sarg. Der Kronprinz,
Sohn des letzten Bayernkönigs, wurde hier in St. Kajetan am 10. August 1955 als
Letzter beigesetzt, an der Seite seiner ersten Frau. "Ich kannte ihn nur
von weitem, aus der Wochenschau", sagt Dost und zittert vor Ehrfurcht.
"Ein rechtschaffener Mann." Das milde Licht tut seinen Augen
gut. Die hat sich der frühere Koch und Kellner, der seit einem Betriebsunfall
vor zehn Jahren für den Wittelsbacher Ausgleichsfonds die Gruft bewacht, in Großküchen
voll Dampf und Neonlicht ruiniert. Hier unten mischt sich der Kalkgeruch nur mit
dem Duft der Kiefernkränze. "Dort drüben der Sarg des totgeborenen
Prinzen", sagt er; 14 kurfürstliche Kinder ruhen im Gewölbeschatten gegenüber.
Halb versteckt eine Kupfer-Urne, ein pralles, dunkel glänzendes Herz.
"Kurfürstin Maria Anna hat als eine der wenigen ihr Herz in dieser
Gruft", wie Dost erklärt. "Die Herzen der Wittelsbacher ruhen seit
dem 17. Jahrhundert in der Altöttinger Gnadenkapelle, schlafen im Schatten der
großen Mutter Maria." Ein ganzes Totenreich Von oben schallt der Gesang der
Dominikaner herab; durch das runde Lüftungsgitter sieht man in der Apsis das
Goldkreuz schimmern. Der erste Bayernkönig Max I. Joseph und seine zweite Frau
Karoline Friederike liegen genau unter dem Altar. Eine alte Idee: Die Kirche
besteht nicht nur aus ihren lebenden, sondern auch aus ihren toten Mitgliedern.
Seit dem 17. Jahrhundert hat sich in der Kirche, an deren Nordseite ein Friedhof
lag, denn auch ein ganzes Totenreich angesiedelt - in neun Grüften, von denen
nur die der Fürsten geöffnet ist. Die Theatinermönche ruhen unter dem Chor,
206 italienische Höflinge, die im Gefolge Henriette Adelaides von Savoyen nach
München gekommen waren, unter dem Frauenaltar: der Sohn des Leibarztes, eine
Kammerfrau, ein Sommelier, ein Wachsbleicher, ein Tanzmeister ... Beileibe
"nicht nur Glücksritter und Courtisanen", wie Dost in seinem
Gruft-Wegweiser betont: "Dafür dass uns Italien so viele treffliche
Meister geschenkt hat, mag man wohl die Venezianerin Gardella in Kauf nehmen,
die ihre Erfolge mehr dem Feuer ihrer dunklen Augen verdankte als ihrer
Kunst." Damit keiner seiner Toten vergessen wird, schreibt er und skizziert wildwuchernde Stammbäume. "Die Genealogie des Hauses Wittelsbach" ist gerade fertig geworden, als Fotokopien-Bündel in der Kirche zu kaufen, handgeschrieben. "Mit der Schreibmaschine klappere ich in der Kirche nicht herum." Die Särge zweimal im Jahr mit Wasser abzuwischen, ist ihm eine Ehre. Besonders bei Prinzregent Luitpold. Ludwig I. liegt ja leider in der Basilika St. Bonifaz. "Die beiden haben München zur Weltstadt gemacht! Unter ihnen hätte ich gern gelebt. Jeder Untertan bekam Arbeit", schwärmt der Münchner. "Im Königreich hatte man ein geruhsameres Leben. Heute hetzt doch jeder nur rum. Früher schätzte man die Eltern noch. Von Dachau aus war der Schulweg dreieinhalb Kilometer lang, da gab's keine Fahrräder für uns Kinder. Trotzdem sind wir großgeworden und haben alle was gelernt", sagt er und verschließt die Gruft. Den Witwer zieht's in seine Werkstatt, in der er den fünf Enkeln Schubkarren und Futterhäuschen baut. Amt Totensonntag will er auf den Friedhof gehen, denn "zu Allerheiligen ist das doch eine einzige Menschen- und Modenschau". Angst vor dem Tod? Oh nein. "Wir sind nun mal vergänglich. Ich hab mich ja auch nicht gefürchtet, als ich auf die Welt gekommen bin." |
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